9.1 Geburt



Endokrinologie der Geburt


Das während der Trächtigkeit dominierende Hormon ist Progesteron, es bewirkt die Ruhigstellung der Uterusmuskulatur. Eine Aufhebung dieses Progesteronblocks ist die Voraussetzung für die Geburt. Nicht bei allen Spezies wird Progesteron bis ans Ende der Trächtigkeit durch den Gelbkörper produziert.


Abb. 1 - Bestehenbleiben des Corpus luteum  Legende
blau
gelb
rot
grün
Dauer der Trächtigkeit
Lebensdauer des Corpus luteum graviditatis
Gestagenp-Produktion durch die Plazenta
Akzessorische Gelbkörper (Pfd)

Abb. 1
Durch die Produktion von Progesteon schafft das Corpus luteum graviditatis (gelb) die Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Trächtigkeit. Bei verschiedenen Spezies vermag im Laufe der Trächtigkeit jedoch die Plazenta (rot) diese Rolle zu übernehmen.


Bei Pferd und Schaf übernimmt die Plazenta gegen Ende der Trächtigkeit den grössten Teil der Progesteronbildung. Ausser bei Schaf und Pferd ist die Luteolyse also die Voraussetzung zur Geburt und der Progesteronwert im maternalen Blut sinkt ein bis zwei Tage vor der Geburt auf den Basalwert ab. Schaf und Pferd hingegen können unter der Geburt noch einen relativ hohen Blut-Progesteronspiegel aufweisen.
Bis jetzt konnte nicht abschliessend geklärt werden, welche Vorgänge genau die Luteolyse auslösen. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Cortisolproduktion des Feten und der Luteolyse gilt aber als gesichert.
Mit fortschreitender Entwicklung wird im fetalen Hirn Corticotropin-Releasing-Hormon und konsekutiv ACTH aus dem fetalen Hypophysenvorderlappen ausgeschüttet. In der fetalen Nebennierenrinde steigt nun die Cortisolproduktion an und das fetale Glukokortikoid bewirkt die Synthese von Prostaglandin F2α im Uterus. Prostaglandin F2α löst einerseits die Luteolyse aus und stimuliert andererseits die glatte Muskulatur des Myometriums, indem Oxytocin-Rezeptoren im Myometrium ausgebildet werden.
Beim Schaf sind die Zusammenhänge am besten untersucht. Das fetale Glukokortikoid bewirkt eine erhöhte plazentäre Östrogenkonzentration, indem Progesteron aus der Plazenta über Androgene in Östrogen umgewandelt wird. Dadurch steigt das Östrogen/Progesteron-Verhältnis an und fördert die Aktivität der Phospholipase A, die über Arachidonsäure zur Synthese von Prostaglandin F2α führt.
Durch die erhöhte Kontraktionsbereitschaft des Myometriums kommen erste Wehen zustande. Der Fetus in seinen Fruchthüllen wird durch den erhöhten intrauterinen Druck Richtung Zervix geschoben. Die mechanische Reizung der Zervix führt über den Ferguson-Reflex zur Auschüttung von Oxytocin aus dem maternalen Hypophysenhinterlappen. Oxytocin dockt an den Rezeptoren im Myometrium an und löst die Presswehen aus.
Abschliessend kann somit festgehalten werden, dass die Signale zur Aufhebung der Progesterondominanz und damit zur Einleitung der Geburt vom Fetus ausgehen.


Iatrogene Geburtseinleitung


Es bestehen verschiedene Indikationen für die iatrogene Auslösung einer Geburt, sie sollten jedoch grundsätzlich resriktiv gehandhabt werden. Das Ziel einer Geburtseinleitung sollte eine gesunde, normal entwickelte Frucht sein.
Eine pathologisch verlängerte Trächtigkeit, hochgradige Störungen des Allgemeinbefindens der Mutter, Verhinderung von Schwergeburten bei grossen Feten und allenfalls eine Bestandessynchronisierung können Indikationen für eine Geburtseinleitung sein.
Abhängig davon, ob der Gelbkörper während der gesamten Trächtigkeitsdauer hauptverantwortlich für die Progesteronproduktion ist oder nicht, gestaltet sich die pharmakologische Geburtsauslösung verschieden.
Da PGF2α auf die plazentäre Progesteronproduktion keinen Einfluss nimmt, kann es beim Pferd und beim Schaf nicht zur Auslösung der Geburt eingesetzt werden.
Beim Rind kann eine Geburtsauslösung ab dem 270. Trächtigkeitstag mit Prostaglandin F2erfolgen.
Ebenfalls wird Prostaglandin F2α beim Schwein (ab dem 111. Tag) und bei der Ziege (ab dem 144. Tag) eingesetzt.
Bei Rindern, Schafen und Ziegen ist auch eine Geburtseinleitung mit hochwirksamen Glukokortikoiden (z. B. Dexamethason, Flumethason) möglich, wenn der Fetus noch lebt.
Bei der Stute ist eine Geburtseinleitung nur in sehr seltenen Fällen indiziert. Die Geburtsauslösung erfolgt durch Oxytocin allein über eine Dauertropfinfusion, da der Verschluss der Gebärmutter relativ gering ist.
Bei der Hündin ist aufgrund des meist nicht klar bestimmbaren Geburtstermins eine Geburtseinleitung heikel. Die Lebensfähigkeit der Welpen und der Allgemeinzustand der Hündin sind in den meisten Fällen die wichtigsten Entscheidungsparameter. Angewendet werden vor allem Antiprogestine, welche die Wirkung des Progesterons am Zielorgan beeinflussen und in Kombination mit Oxytocin die Geburt auslösen.



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